¡NO!: Film: NOtizen

NOtizen

Bereits Pablo Larraíns preisgekrönte Filme TONY MANERO (2008) und POST MORTEM (2010) spielten im Chile der Pinochet-Diktatur; mit ¡NO! schloss der Regisseur diese lose Trilogie nun ab. „Ich hatte nie daran gedacht, drei Filme zu machen, die in der gleichen Zeitperiode spielen“, sagt Pablo Larraín, „nach keinem der Filme wusste ich, was ich als nächstes machen würde. Es ist einfach passiert. Heute finde ich es interessant zu sehen, was für Verbindungen, was für Dialoge sich zwischen den Filmen ergeben.“ Eine Gemeinsamkeit erkennt Larraín in den Protagonisten: „Alle drei sind Figuren, die unabhängig davon, wie verstrickt sie in die politische Situation sind, trotzdem glauben, dass diese politische Situation sie persönlich nicht wirklich betreffen würde. Aber tatsächlich sind sie das in hohem Maß.“

Die drei Filme spielen in je unterschiedlichen Phasen der Diktatur: TONY MANERO zur Zeit der schlimmsten Repression Ende der 70er Jahre, POST MORTEM in der Anfangsphase, ¡NO! im Moment des Sieges über die Diktatur. Auch wenn Larraíns schwarzer Humor alle drei Filme durchzieht, hat ¡NO! eine deutlich leichtere Tonart. „Es ist eine Geschichte von epischer Dimension“, sagt Pablo Larraín, „aber diese epische Geschichte ist nicht von einem Drehbuchautor erfunden worden, sondern von einer Bevölkerung, die imstande war, sich zu organisieren und die Diktatur zu besiegen. Wir mussten diesen Leuten gegenüber sorgfältig und verantwortungsvoll sein, um eine Geschichte zu erzählen, die bei aller Fröhlichkeit dennoch einen bitteren Beigeschmack hat. Denn obwohl sich das NO durchgesetzt hat, hat ein Teil des SI trotzdem gewonnen. Das hat damit zu tun, dass man mit dem Regime verhandelt hat, dass man sein ökonomisches Modell übernommen hat, dass das Erbe der Diktatur bis in unsere Zeit reicht.“

REFERENDUM

Am Ausgangspunkt von NO stand das Theaterstück REFERENDUM von Antonio Skármeta (Mit brennender Geduld – Il Postino). Pablo Larraín und sein Drehbuchautor Pedro Peirano waren vor allem von Skármetas Erzählperspektive begeistert. „Es gibt unzählige Möglichkeiten, diese Geschichte zu erzählen, aus der Perspektive Pinochets, aus der eines hohen Militärs, aus der Sicht von jemandem aus der Unterschicht, der Mittelklasse, von jemandem, der das Ganze nur im Fernsehen verfolgt … Dass Skármeta die Perspektive der Marketingleute gewählt hat, ist vor allem deshalb so interessant, weil man dadurch auf eine ebenso einfache wie komplexe und subversive Weise die ganze Metapher bauen kann, um die es geht. Nach dem sozialistischen Projekt von Allende hielt mit Pinochet das neoliberale kapitalistische System in Chile Einzug, mit dem die Logik von Werbung und Marketing einhergeht – eben mit diesen Mitteln wurde er am Ende besiegt.“
Im Referendum von 1988, organisiert von der Diktatur selbst in sicherer Erwartung des eigenen Sieges, sieht Pablo Larraín eine fast beispiellose Geschichte: „Unabhängig von meiner politischen Haltung, die ich habe, möchte ich als Regisseur interessante Filme mit interessanten Geschichten machen. Was ¡NO! angeht: Ich erinnere mich an keinen Fall, wo ein Diktator wirklich in einem demokratischen Prozess, durch eine Wahl gestürzt wurde. Normalerweise enden solche Konflikte in einem Blutbad. Es ist eine einzigartige Geschichte, und sie war für mich mit vielen Fragen verbunden.“

RECHERCHE

Larraín, Pedro Peirano und die Journalistin Lorena Penjean recherchierten mehrere Jahre, um ein möglichst umfassendes Bild der Zeit und der Kampagnen zum Referendum zu bekommen. Sie sprachen mit den Machern der Kampagne, Aktivisten, Künstlern, Musikern und Politikern, und durchforsteten die Archive nach Originalspots, Dokumenten und TV-Beiträgen aus der Zeit. Das war die Grundlage für die Entwicklung der Figuren und der Filmhandlung entlang der tatsächlichen historischen Ereignisse. „Keine unserer Figuren lässt sich einer direkten historischen Person zuordnen“, sagt Pedro Peirano. „Tatsächlich arbeiteten damals über 35 Leute permanent an der Kampagne mit – es wäre sinnlos gewesen, alle diese Leute eins zu eins nachzuerzählen.“ René Saavedra, die Figur von Gael García Bernal, zum Beispiel ist inspiriert von den Erzählungen mehrerer Persönlichkeiten wie José Manuel Salcedo, Eugenio García und Juan Forch, die damals zum Leitungsteam der Kampagne gehörten.

UMATIC

Von Anfang an war klar, dass der Film die originalen Spots und Sendungen der Referendums-Kampagnen integrieren würde – am Ende betrug der Anteil des Archivmaterials fast 30%. Das führte zur Entscheidung, den Film mit analogen Umatic-Kameras aus den 80er Jahren zu drehen. „Bei Spielfilmen, die Archivmaterial eingeschnitten haben, ist normalerweise immer sofort zu erkennen, was was ist. Das zerstört meine Illusion als Zuschauer“, sagt Pablo Larraín. „Wir haben viel ausprobiert, bis uns klar wurde, dass es eine interessante Möglichkeit wäre, den Film in dem gleichen Format zu machen, in dem auch das Archivmaterial gedreht wurde. Das war wegen der geringen Auflösung eine riskante Entscheidung – man braucht eine Weile, bis man sich an den Look gewöhnt hat. Aber wenn man drin ist, funktioniert der nahtlose Wechsel, die Kombination mit dem Archivmaterial – und darauf kam es uns an.“

Analoge Umatic-Kameras aus dieser Zeit aufzutreiben, war allerdings erheblich schwieriger als erwartet. Aus zwanzig Kameras, die in den USA gefunden wurden, konnten vier funktionstüchtige Einheiten zusammengebaut werden. Eine gab ihren Geist schon während des Transports nach Chile, zwei weitere während der Dreharbeiten auf. Für die notwendige Umwandlung der analogen Videotechnik in digitale Formate musste ein eigenes System erfunden werden.

PRÄZISION

Mit TONY MANERO und POST MORTEM hatten Pablo Larraín und sein Team bereits einige Erfahrung mit historischen Filmen gesammelt. ¡NO! stellte noch einmal eine ganz neue Herausforderung dar – jetzt konnte nicht eine ganz eigene Filmwelt geschaffen werden, die sich manchmal auch über historische Details hinwegsetzen konnte. Die Filmwelt von ¡NO! musste wegen der Kombination mit dem Archivmaterial bis ins letzte Detail präzise sein, ohne angestrengt zu wirken. „Das Problem ist, dass wir 24 Jahre später gedreht haben, nichts sieht mehr so aus wie damals, alles musste angepasst werden“, sagt Pablo Larraín. „Unsere Idee war, dass alles, was wir drehen, nahtlos mit dem originalen Material kombiniert werden kann. Das stellte eine immense Herausforderung für alle Gewerke dar, Szenenbild, Kostüm, Maske, bis hin zum Casting.“

CAMEOS

Neben Kameratechnik und Ausstattung gab es ein weiteres wesentliches Element, mit dem sich die Ebenen von historischer Wirklichkeit und Fiktion auf sehr spielerische Weise durchwirken ließen. „Wir wollten die Leute, die damals beteiligt waren und die zum Teil im Archivmaterial zu sehen sind, in den Film, in die Fiktion holen. Damit sie das tun, was sie damals gemacht haben. Um wieder zu erleben, was sie erlebt haben; um das damals Gedachte wieder zu denken, die Träume wieder zu träumen. Das ermöglicht es, dass auf einer tiefer liegenden Ebene die Szenen, die wir gedreht haben, sich in dokumentarisches Material verwandeln und das Archivmaterial gewissermaßen zur Fiktion wird.“

¡NO! variiert dabei alle mögliche Arten von Cameo-Auftritten: Persönlichkeiten wie Patricio Aylwin, der erste demokratisch gewählte Präsident nach Pinochet, Patricio Bañados, der TV-Sprecher der NO-Kampagne, oder die Sängerin Isabel Parra sind in der Fiktion und im Archivmaterial als sie selbst zu sehen – die fast 25 Jahre Unterschied zwischen damals und heute gehen dabei ganz organisch in der bezwingenden Logik der Montage auf. Andere tauchen in fiktiven Rollen auf, wie die Leiter der historischen NO-Kampagne Juan Forch und Eugenio García, die im Film am Besprechungstisch der Gegenseite sitzen. Carlos Cabezas, chilenische Musiker-Legende der 80er Jahre, sollte mit einer Bolero-Version des Joy-Division-Songs „Love will tear us apart“ in einer Party-Szene auftreten – als die Szene schließlich gestrichen wurde, war die Zusammenarbeit bereits soweit gediehen, dass ihm Pablo Larraín die Komposition der Filmmusik anvertraute.

DYNAMIK

Für die Bildgestaltung von ¡NO! war wieder Larraíns langjähriger Kameramann Sergio Armstrong verantwortlich. Und so wie in diesen Filmen Lichtsetzung, Farbgebung, Einstellunsgrößen, Plansequenzen ihren jeweils an der Geschichte ausgerichteten Look ausmachten, entwickelten Armstrong und Larraín auch für ¡NO! eine eigene visuelle Gestaltung, ausgehend von den Parametern der analogen Videotechnik und der Dynamik der Geschichte. Vor allem in der ersten Hälfte des Films spielen Handkameras – oft wurde mit mehreren Kameras gleichzeitig gearbeitet –, Bewegung und eine organische Kombination aus präziser Vorgabe und Zufall eine große Rolle, das Gegenlicht wird zum Gestaltungselement. Forciert durch die Montage von Andrea Chignoli, entwickelt ¡NO! einen eigenen, treibenden, elektrisierenden Rhythmus, immer wieder springt der Film bei durchlaufendem Dialog in der Zeit nach vorne, vom Barbecue zum Spaziergang am Strand, von der Bushaltestelle ins Restaurant. Das drückt aus, was die wirklichen Macher der NO-Kampagne von 1988 als wesentlich in Erinnerung haben: die Verdichtung der Zeit. „Der Rhythmus des Films vermittelt ganz gut, was wir erlebt haben“, sagt Juan Forch. „Mehr als drei, vier Stunden pro Nacht haben wir damals nicht geschlafen.“

SCHAUSPIELER

„Einen Schauspieler wie Gael zu bekommen, ist nie einfach“, sagt Pablo Larraín. „Aber ich muss auch sagen: ganz so schwer war es nicht.“ Pablo Larraín und Gael García Bernal hatten sich 2008 in Toronto kennengelernt, wo Larraín TONY MANERO vorgestellt hatte. Als Larráin ihm das erste Skript von ¡NO! zuschickte, war er gleich interessiert. Nach mehreren Treffen war klar, dass er die Rolle übernehmen wollte. „Ich war sehr glücklich, dass er meine Filme mochte. Gael ist ein sehr politischer Mensch, er hat seine Überzeugungen, er ist sehr gebildet, er weiß sehr viel … viel mehr als ich. Es war eine glückliche Fügung.“

Den Gegenpart von García Bernals Figur spielt Alfredo Castro, Pablo Larraíns langjähriger Weggefährte und vielfach preisgekrönter Hauptdarsteller von TONY MANERO und POST MORTEM. Zum weiteren Ensemble gehören erfahrene Schauspieler wie Luis Gnecco und der vor allem durch seine Zusammenarbeit mit Raoul Ruiz legendäre Jaime Vadell sowie einige der interessantesten Gesichter des neuen chilenischen Kinos – Néstor Cantillana, Antonia Zegers und Marcial Tagle, mit denen Pablo Larraín ebenso wie mit einem großen Teil der Crew seit langer Zeit zusammenarbeitet.

GESPENSTER

Pablo Larraín war 12 Jahre alt, als das Referendum stattfand: „Ich habe keine genaue Erinnerung daran“, sagt er. „Ich erinnere mich an die Atmosphäre, wenn die Sendungen der Kampagnen ausgestrahlt wurden, es herrschte eine Stimmung wie bei einer Fußballweltmeisterschaft.“ Seine Familie – die Eltern sind bekannte konservative Politiker – gehörte dabei mehrheitlich dem SI-Lager an. „Als ich erwachsen wurde und an die Filmhochschule ging, hat es mich mehr und mehr interessiert zu sehen, was mich umgab, was tatsächlich in meinem Land geschehen war. Die Zeit der Diktatur war eine Zeit der Brüche, die viel mit dem Chile von heute zu tun haben. Die soziopolitische Lage und Logik von heute kommt aus dieser Zeit. Der Putsch gegen einen demokratisch gewählten Präsidenten und die anschließende systematische Verfolgung der Opposition haben ein Szenario geschaffen, das von Gespenstern bevölkert ist. Mich hat es – vor allem in den ersten beiden Filmen – interessiert, mich mit diesen Gespenstern zu beschäftigen.“

¡NO!

Nach seiner Uraufführung in Cannes (Art Cinema Award der Sektion Quinzaine) kommt ¡NO! fast überall auf der Welt in die Kinos, gerade wurde er für den Oscar als Bester Fremdsprachiger Film nominiert. „Es sieht so aus, als würden die Leute, das, was mein Film erzählt, in Verbindung setzen zu dem, was derzeit in vielen Teilen der Welt passiert“, sagt Pablo Larraín. „Das ist interessant zu sehen, und es ist schön, aber wir haben den Film natürlich niemals mit dieser Vorstellung konzipiert. Als wir 2008 mit der Arbeit angefangen haben, wollten wir einfach den besten Film machen, den wir machen konnten. Inzwischen sind bedeutende Bewegungen entstanden, soziale Bewegungen, es gibt den arabischen Frühling und Occupy … Es gibt viele Leute, die auf die Straße gehen, um zu sagen, dieses System funktioniert nicht. Diese Haltung, die überall in der Gesellschaft zu spüren ist, diese Unruhe ist, glaube ich, auch in unserem Film.“